{"id":1466,"date":"2013-07-04T18:14:15","date_gmt":"2013-07-04T16:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.daniel-ritter.de\/blog\/?p=1466"},"modified":"2024-05-13T22:11:52","modified_gmt":"2024-05-13T20:11:52","slug":"weshalb-es-eine-schlechte-idee-sein-konnte-nichts-zu-verbergen-zu-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.daniel-ritter.de\/blog\/weshalb-es-eine-schlechte-idee-sein-konnte-nichts-zu-verbergen-zu-haben\/","title":{"rendered":"Weshalb es eine schlechte Idee sein k\u00f6nnte, nichts zu verbergen zu haben"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen gibt es keine Zweifel mehr. Dank Snowden wissen wir nun zweifelsfrei das, was viele schon vorher mit hoher Wahrscheinlichkeit vermutet haben: Es werden Daten \u00fcber uns gesammelt und weiterverarbeitet. Es trifft nicht nur einzelne Verd\u00e4chtige, sondern pauschal alle. Es wird alles erfasst, was technisch m\u00f6glich ist. Der Wissensdurst von Staaten scheint unstillbar. Begr\u00fcndet wird die Sammlung der Daten mit dem Kampf gegen die organisierte Kriminalit\u00e4t und den internationalen Terrorismus. Eine gute Sache k\u00f6nnte man meinen. Die Staaten sorgen f\u00fcr die Sicherheit der B\u00fcrger, wer sich nichts zu Schulden kommen l\u00e4sst, hat nichts zu bef\u00fcrchten. Dieser auf den ersten Blick logische Gedankengang hat jedoch seine T\u00fccken. Nachfolgend werde ich einige Argumente bringen, warum es eine schlechte Idee sein k\u00f6nnte nichts zu verbergen zu haben.<\/p>\n<p><strong>Wissen ist Macht und Macht korrumpiert<\/strong><br \/>\nDieses alte Sprichwort beschreibt das Hauptproblem sehr gut. Macht ist die M\u00f6glichkeit &#8222;machen zu k\u00f6nnen&#8220;. Je mehr Wissen angeh\u00e4uft wird, desto mehr Macht entsteht auf der Seite der Wissenden. Macht korrumpiert zuverl\u00e4ssig und zieht noch gr\u00f6sseren Wissensdurst nach sich. Da Wissen und Macht in den momentanen Verh\u00e4ltnissen nur von einer kleinen und gr\u00f6sstenteils unkontrollierten b\u00fcrokratischen Elite angeh\u00e4uft werden, wird die grosse Mehrheit der Menschen gleichzeitig kontrollierbar und entmachtet. Dies geschieht mit immer weniger parlamentarischer Kontrolle und wann immer es geht im Verborgenen. Da alle Macht vom Volke ausgehen sollte, ist diese Situation gef\u00e4hrlich f\u00fcr Demokratien und nicht hinzunehmen.<\/p>\n<p><strong>Die wirklich b\u00f6sen Buben werden nicht \u00fcberwacht<\/strong><br \/>\nDas offizielle Hauptargument f\u00fcr \u00dcberwachung ist der Kampf gegen die  organisierte Kriminalit\u00e4t und den Terrorismus. Diese beiden Hauptziele der \u00dcberwachung k\u00f6nnen sich ihr jedoch leicht entziehen. Mit nur minimalem technischen Verst\u00e4ndnis kann man Kommunikation wirkungsvoll verschl\u00fcsseln. Daf\u00fcr werden weder grosse Geldmengen noch spezielle Hardware ben\u00f6tigt. Viele Artikel in meinem Blog beschreiben Methoden zur wirkungsvollen Verschl\u00fcsselung von Kommunikation und Datenspeichern. Aktuelle Verschl\u00fcsselungsmethoden k\u00f6nnen nicht gebrochen werden, wenn sie korrekt angewandt werden. Das sind mathematische Gesetze, die kein Staat und kein Geheimdienst beugen kann. Da wirkungsvolle Verschl\u00fcsselung m\u00f6glich ist und ich sie selbst pers\u00f6nlich (mit meinen sehr beschr\u00e4nkten Mitteln) nutzen kann, ist klar, dass der internationale Terrorismus und die Mafia mit nahezu unbegrenzten  Geldmitteln diese M\u00f6glichkeiten auch nutzen. Die \u00dcberwachung verfehlt also ihre Ziele konsequent. Oder ist das Ziel eventuell doch der normale B\u00fcrger?<\/p>\n<p><strong>\u00dcberwachungsstrukturen werden auf undemokratische Weise im Geheimen etabliert<\/strong><br \/>\nDie \u00dcberwachung der gesamten US-Bev\u00f6lkerung wurde niemals durch den Kongress bewilligt. Die wuchernden \u00dcberwachungsstrukturen werden in der Regel abseits einer nachfragenden und unbequemen \u00d6ffentlichkeit etabliert. Nur durch Leaks und Whistleblower kommen die Machenschaften ans Tageslicht. Die Bev\u00f6lkerungen werden vor vollendete Tatsachen gestellt, eine \u00f6ffentliche Diskussion findet erst nach Etablierung statt, eine \u00f6ffentliche Kontrolle ist unm\u00f6glich. Es bilden sich unkontrollierbare Staaten in Staaten mit extremen Machtkonzentrationen, die sich vom Rechtsstaat abkoppeln, eigene Kontrollinstanzen hervorbringen &#8211; sich also selbst kontrollieren &#8211; und gleichzeitig Kritik an sich selbst als Hochverrat ahnden. Die Gewaltentrennung wird ausgehebelt.  <\/p>\n<p><strong>\u00dcberwachung schr\u00e4nkt die Meinungsfreiheit ein<\/strong><br \/>\nIst eine umfassende \u00dcberwachung erst einmal etabliert, ist es leicht ein Klima der Angst zu verbreiten. Kritiker k\u00f6nnen leicht mundtot gemacht werden, da sich im Hinterkopf schnell eine Selbstzensur einschleicht. Man geht davon aus, dass jede kritische \u00c4usserung registriert und vielleicht auch kontrolliert wird. Man wird vorsichtiger in seinen \u00c4usserungen um keine Probleme zu bekommen. Die zeitlich unbegrenzte Speicherung von Kommunikation dehnt diese \u00c4ngste sogar noch bis in eine unbestimmte Zukunft aus.  Einzelne \u00f6ffentlichwirksam inszenierte Exempel an Abweichlern bringen ganze Bev\u00f6lkerungen auf Kurs. Viele diktatorische Staaten regieren auf diese Weise, sogar ohne das gigantische Machtpotential, das die westlichen Demokratien zur Zeit anh\u00e4ufen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberwachung sichert die Meinungshoheit der \u00dcberwacher<\/strong><br \/>\nDas Internet hat Staaten, Beh\u00f6rden und Regierungen vor grosse Probleme gestellt. Hatte man vor der digitalen Revolution  lediglich eine Hand voll mehr oder weniger leicht kontrollierbare Massenmedien, die die \u00f6ffentliche Meinung gebildet haben, ist heute jeder nicht nur Emp\u00e4nger von Information sondern auch Sender. Das Internet bietet jedem eine Sendehoheit. Auch Meinungen, die nicht aus den Massenmedien stammen, k\u00f6nnen sich viral verbreiten und ihren Weg in die K\u00f6pfe einer grossen \u00d6ffentlichkeit finden. Das Bestreben von Staaten ist es die alte gewohnte Meinungshoheit wieder zu erlangen. Denn wer die \u00f6ffentliche Meinung setzen kann, setzt die gef\u00fchlte Realit\u00e4t. Um zum alten Status Quo zur\u00fcckzukehren muss also die Kontrolle \u00fcber den neuen R\u00fcckkanal der B\u00fcrger erlangt werden. Dies funktioniert nur durch Unterdr\u00fcckung unliebsamer Meinungen. Diese k\u00f6nnen durch \u00dcberwachung identifiziert werden. Und zwar nicht nur die einzelner Personen, sondern vollautomatisiert die ganzer Personennetzwerke.<\/p>\n<p><strong>Wir haben keine Glaskugel<\/strong><br \/>\nMan k\u00f6nnte meinen, dass all das keine Relevanz f\u00fcr uns hat. Wir leben in einem demokratischen Rechtsstaat, sind unsere Freiheiten gewohnt und haben fast alle nie ein anderes Deutschland erlebt. Dennoch k\u00f6nnen sich die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndern. Wir hatten in den letzten 100 Jahren bereits 4 deutsche Staaten. Davon waren 2 Diktaturen und einer ist an sich selbst gescheitert. Freiheit und Demokratie sind keine genetischen Fakten, die tief in den Menschen verwurzelt sind. Sie sind viel mehr sehr fragile Gebilde, die besch\u00fctzt werden m\u00fcssen und schnell in sich zusammenbrechen k\u00f6nnen, wenn die \u00e4usseren Umst\u00e4nde sich \u00e4ndern. H\u00e4tten wir einen Rechts- oder Linksruck, w\u00fcrde der Euro endg\u00fcltig zusammenbrechen, h\u00e4tten wir einen Krieg in Europa &#8211; die bereits geschaffene \u00dcberwachungsinfrastruktur w\u00fcrde alles bisher dagewesene weit \u00fcbertreffen. Der neue Staat h\u00e4tte alle M\u00f6glichkeiten parat um seine B\u00fcrger nach Belieben klein zu halten, zu kontrollieren, zu g\u00e4ngeln und in Angst und Schrecken zu versetzen. M\u00f6glichkeiten von denen das Dritte Reich oder die DDR nur tr\u00e4umen konnten.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberwachung ist teuer und wir bezahlen sie<\/strong><br \/>\n\u00dcberwachung kostet viel Geld. Hardware, Software, Verwaltungsinfrastrukturen, Instandhaltung, Speicherung, Auswertung. All das kostet sehr viel Geld. Ironischer Weise stammt dieses Geld aus den Steuern der B\u00fcrger, die somit ihre eigene \u00dcberwachung finanzieren. Da durch die \u00dcberwachung kommulierte Macht  nach immer mehr Macht strebt, wird auch die \u00dcberwachung immer weiter ausgedeht werden. Das wird immer mehr Geld kosten. Die B\u00fcrger zahlen f\u00fcr ihre eigene Entmachtung, bis sie sich aus Machtverlust heraus nicht mehr gegen dieselbe wehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die \u00dcberwachung der \u00dcberwacher findet nur im Geheimen statt<\/strong><br \/>\nIn Deutschland werden die Geheimdienste durch das parlamentarische Kontrollgremium kontrolliert. In diesem sitzen 12 Bundestagsabgeordnete aller Parteien. Diese 12 Personen haben besondere Rechte und d\u00fcrfen Akteneinsicht bei den deutschen Geheimdiensten fordern. Zu dem Gremium geh\u00f6ren auch ultrarechte deutsche Politiker, wie zum Beispiel der CSU Politiker Uhl. Es erscheint mir sehr fraglich, ob 12 Berufspolitiker, die neben ihrer Kontrollaufgabe auch noch mannigfaltige weitere Aufgaben im politischen Alltag wahrnehmen, dazu bef\u00e4higt sind die deutschen Geheimdienste im Sinne der B\u00fcrger zu \u00fcberwachen &#8211; falls \u00fcberhaupt der Wille dazu besteht. Selbst wenn sie Anmerkungen zur Arbeit der Dienste h\u00e4tten, ist es Ihnen verboten mit anderen Mitgliedern des Bundestages dar\u00fcber zu beraten. Zur \u00dcberwachung der \u00dcberwacher w\u00e4re ein unabh\u00e4ngiges Amt mit angemessener Mannst\u00e4rke und Besoldung sicher besser geeignet, als 12 &#8222;\u00e4ltere Herren&#8220; mit vollem Terminkalender. Und auch woanders ist es nicht besser. Der amerikanische Kongress war nicht informiert \u00fcber die Komplettspeicherung und Verarbeitung aller Verbindungsadaten im Inland.<\/p>\n<p><strong>Jeder wird erpressbar<\/strong><br \/>\nDie Bestrebungen sind klar: Alles soll erfasst werden, alles soll zusammengef\u00fchrt und ausgewertet werden. Im Alltag fallen beim Durchschnittsb\u00fcrger tats\u00e4chlich viele Daten an. Telefongespr\u00e4che, SMS, MMS, Whatsapp, Facebook, Internetsuchen, besuchte Websites, Reisebewegungen, Kartenzahlungen, Aufenthaltsorte, Handy-Kontakte, E-Mails, u.s.w. Alle diese Daten zusammengef\u00fchrt an einer zentralen Stelle bilden das pers\u00f6nliche Leben des Einzelnen fast l\u00fcckenlos ab. Durch Speicherung dieser Daten wird nicht nur eine Momentaufnahme verf\u00fcgbar sondern auch eine Historie bis weit in die pers\u00f6nliche Vergangenheit hinein. Die \u00dcberwacher verf\u00fcgen \u00fcber Daten, die man nicht einmal selbst von sich hat. In der kompletten Lebenshistorie eines Menschen gibt es sicherlich einige unliebsame Episoden, die man gerne f\u00fcr sich behalten w\u00fcrde. Durch diese Daten kann jeder nach gutd\u00fcnken bedr\u00e4ngt werden, wenn es n\u00f6tig sein sollte. Wissen ist Macht. Und diese Macht liegt bei einer weitgehend unkontrollierten Elite, die man niemals zu Gesicht bekommen wird, die aber im Gegenzug alles \u00fcber jeden weiss. Ein gutes Gef\u00fchl, oder? <\/p>\n<p><strong>Man ist nicht frei, wenn man \u00fcberwacht wird<\/strong><br \/>\nDieser Satz steht f\u00fcr sich selbst aber trotzdem m\u00f6chte ich einige Zeilen dazu schreiben. Freiheit und \u00dcberwachung stehen auf einer Skala an entgegengesetzten Enden. Wenn man auf Freiheit wert legt, kann man ihr Gegenteil nicht als Realit\u00e4t akzeptieren. Das ist Orwellsches Doppeldenk par excellence. Freiheit steht f\u00fcr sich und ist nicht ihr Gegenteil. Wenn wir auf Freiheit wert legen, d\u00fcrfen wir \u00dcberwachung nicht dulden.<\/p>\n<p><strong>Was kann man tun?<\/strong><br \/>\nAndere m\u00f6gen anderer Ansicht sein, aber ich glaube, dass der aktuelle Trend zu immer mehr Kontrolle aus oben genannten Gr\u00fcnden auf politischem Weg nicht mehr aufzuhalten sein wird. Nat\u00fcrlich ist politische Arbeit in diesem Bereich wichtig und gut, aber der Krieg scheint verloren, bevor \u00fcberhaupt die ersten Kampfhandlungen erfolgten. Die \u00dcberwachungsstrukturen sind zu Grossteilen fertiggestellt und eine \u00f6ffentliche Emp\u00f6rung ist nur in kurzen Wellen bei jedem neuen Skandal auszumachen. Leider sind die technischen Zusammenh\u00e4nge hinter dem \u00dcberwachungsapparat den Nicht-Geeks sehr schwer n\u00e4herzubringen. Daraus resultiert, dass man sich nur selbst darum k\u00fcmmern kann, der \u00dcberwachung zu entgehen. Es muss eine kritische Masse an Personen entstehen, die konsequent verschl\u00fcsselt, nur verschl\u00fcsselt kommuniziert und Daten nur sicher ablegt. Daf\u00fcr werden Tools ben\u00f6tigt, die leicht zu bedienen und massentauglich sind.  Verschl\u00fcsselung muss zur Normalit\u00e4t und nicht zur Ausnahme werden. Leider haben alle grossen Internetdienste daran kein Interesse, da Ihre Gesch\u00e4ftsmodelle darauf beruhen, mit den Daten ihrer Benutzer zu arbeiten und sie zu barer M\u00fcnze zu machen. Die Masse muss verstehen, warum Privatsph\u00e4re wichtig ist, sie muss einfache Werkzeuge an die Hand bekommen um sie aus\u00fcben zu k\u00f6nnen. Bestrebungen Verschl\u00fcsselung zu verbieten m\u00fcssen verhindert werden. Wenn wir diesen grossen Kampf verlieren, oder wenn er gar nicht erst stattfindet, werden wir die letzte freie Generation gewesen sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Wochen gibt es keine Zweifel mehr. 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